07.11.16 - So sieht es der Gegner: Vor dem Spiel NSU gegen Reutlingen
 
(c) Reutlinger Generalanzeiger vom 13.05.17
 

FUSSBAL - SSV Reutlingen gastiert heute in Neckarsulm. Timo Krauß und Carlo Liotti dürfen auf Einsatz hoffen

Viele Ideen und frischer Wind

VON MANFRED KRETSCHMER

REUTLINGEN. »Die Jungs haben sich auch in dieser Woche im Training reingehängt. Da kann ich nicht meckern.« Jochen Class hält schützend die Hand über seine zuletzt heftig kritisierte Mannschaft. Man müsse, so der Trainer des Fußball-Oberligisten SSV Reutlingen, berücksichtigen, dass die letzten Gegner FSV Hollenbach (1:3-Niederlage), SC Freiburg II (0:3) und Karlsruher SC II (0:2) allesamt im Ab- und Aufstiegskampf steckten und dringend punkten mussten. »Bei uns haben die letzten paar Prozent gefehlt. Dafür bitte ich um Verständnis«, sagt Class. Auch bei anderen Clubs, die in der Tabelle jenseits von Gut oder Böse stehen, habe es zuletzt Ausschläge nach unten gegeben - so verlor der Bahlinger SC beim abgeschlagenen Schlusslicht Neckarelz mit 1:2 und der 1. CfR Pforzheim kam in Karlsruhe mit 0:6 unter die Räder. »Jetzt scheint der Platz, den wir uns vor der Runde gewünscht haben, plötzlich nicht mehr gut genug zu sein«, wundert sich Class. Im vorletzten Saisonspiel gastieren die Reutlinger am heutigen Samstag (15.30 Uhr) beim Aufsteiger Neckarsulmer SU, der eine starke Runde hinlegt und Position drei einnimmt. Beim auf Platz neun rangierenden SSV dürfen Youngster Timo Krauß und Carlo Liotti auf einen Einsatz hoffen. Angreifer Eric Yahkem, der gegen Hollenbach mit der Roten Karte bedacht wurde, wurde für zwei Spiele gesperrt und kann somit nicht mehr ins Geschehen eingreifen. Torhüter Özgür Ögüt fällt wegen einer Fingerverletzung aus und Fabian Springer ist krank.

Wahnsinnig viele Gespräche

Die Verantwortlichen des SSV würden derzeit »wahnsinnig viele Gespräche mit potenziellen Zugängen« führen, berichtet Class. »In den letzten zwei Wochen war das für mich fast ein Fulltime-Job«, ergänzt der Fußball-Vorsitzende Michael Schuster. Vollzugsmeldungen gibt's aber noch keine. Selbst Spieler aus der Region würden pokern und auf gute Angebote niederklassiger Clubs verweisen. Auf der Wunschliste des SSV stand auch Julian Grupp, der einst in der Jugend an der Kreuzeiche und derzeit für den TuS Koblenz in der Regionalliga spielt. Der 25-Jährige schließt sich nun dem Oberliga-Rivalen 1. CfR Pforzheim an.Über den Einstieg von Ex-Spieler Giuseppe Ricciardi, der offiziell ab 1. Juli als Sportlicher Leiter fungiert, derzeit aber mit Schuster und Spielleiter Martin Göggelmann schon am Wirbeln ist, freut sich Class ganz besonders. »Er bringt Ideen und frischen Wind rein und wird für mich ein guter Ratgeber sein.« (GEA)
 
 
 
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Das einzig konstante war die Inkonstanz

Nach drei Niederlagen mit 1:8 Toren, man lag drei Mal nach 14 Minuten 0:2 hinten, war SSV-Trainer Jochen Class richtig frustriert: „Es fehlten die Laufbereitschaft, der Biss und  die Leidenschaft.” Nach dem Klassenerhalt und 44 Punkten hatten einige wohl die Saison abgehakt. Das dürfe man nicht überbewerten, so der Trainer, der  Neuling Neckarsulm hoch einschätzt. Mit Martin Hess, der zwölf Tore in 13 Spielen erzielte, ehe er verletzt ausfiel und nun nach Ilshofen geht, hat die Sportunion einen Top-Spieler, auch Schneckenberger (7), Hogen, Klotz oder Golovac sind stark. Der Neuling, der nach drei Siegen in Freiburg 0:4 unterlag, hat als Dritter  58 Punkte bei 55:40 Toren. Das Zuschauerinteresse ist mit  320 im Schnitt ausbaufähig.

Beim SSV fehlt Yahkem (Rotsperre), dafür könnten Bäuerle, Krauß und Co spielen, die zuletzt nicht viel Spielpraxis hatten. Jochen Class sagt: „Golinski war bei der Auswechslung  sauer, doch er muss auch Selbstkritik üben. Bei Schachtschneider habe ich ein Türchen geöffnet, ich baue  auf ihn.“

Der SSV-Coach weiter: „Wir sind seit Wochen gerettet, das hat uns kaum einer zugetraut, spielen eine bessere Saison als im Vorjahr. In der neuen Saison sind wir noch stärker, besser. Im Hintergrund laufen viele Aktivitäten, auch mit Ricciardi, der mithilft, was positiv ist. Man darf das Team nicht verurteilen, nein, Kritik ist berechtigt,  es fehlte zwar die Spannung, aber im Training geben sie Vollgas. Das Team wird sich in den beiden letzten Spielen nicht hängenlassen.”

Class zu den Kaderplanungen: „Wir sprechen auch mit Oberligaspielern, nicht nur  mit welchen aus der Landes- und Verbandsliga. Wir arbeiten seriös, bei anderen Vereinen wird eine Summe in den Raum geworfen, die vom Etat her nicht geleistet werden kann. Ich baue auch auf die vier A-Jugendlichen die kommen. Das U21-Perspektiv-Team ist auch wichtig”

Bessere Bedingungen

Bei der neuen Kampagne ist man mit 100 Euro schon Sponsor. Der Kunstrasenplatz hinter der Tribüne wird von der Stadt gerichtet, der SSV muss für den speziellen Belag 25 000 Euro aufbringen, auch der Hartplatz im hinteren Bereich wird 2018 in einen Kunstrasenplatz umgewandelt. Dann hat der SSV bessere Trainingsmöglichkeiten, musste in Oferdingen und bei der SG in Orschel-Hagen trainieren.

Der Fußball-Vorsitzende Michael Schuster bilanziert: „Die Spieler müssen an sich selbst arbeiten, die Einstellung stimmte zuletzt nicht. Die Saison ist ja nicht schlecht  gelaufen, jetzt kommen einige auf den Felgen daher, wir hatten zeitweise sechs Verletzte. Der Druck ist weg, die Jungs  sollen aber nicht abschalten. Wir müssen konstanter werden, das einzig konstante  war die Inkonstanz.”

Die Einnahmen des Pokals 2015 wurden dazu verwendet, alte Verbindlichkeiten  abzubauen, man sei, so Finanzchef Jörg Wahlert, nahezu schuldenfrei. Tom Schiffel sagte: „Wir haben die Anfangsphase, wie in den Spielen zuvor, wieder verschlafen, müssen  in Neckarsulm hellwach sein, früher stören.” Rouven Wiesner, schon lange dabei, redet Klartext: „Das war zuletzt eine Katastrophe. Wenn nicht alle elf oder 15 Spieler volle 100 Prozent bringen, stimmt das Kollektiv nicht, bekommt einen Riss. Beim SSV geht es nicht um Kohle, da gibt es nicht viel, wer hier spielt muss Leidenschaft zeigen, viel laufen, Einsatzwillen an den Tag legen. Das taten wir wochenlang, holten 16 Punkte. Daran müssen wir nun wieder anknüpfen.”

Wiesner weiter: „Der Verein muss was riskieren, jetzt verlieren wir Leistungsträger, die ersten Elf sind stark, aber es muss doch gelingen, Sponsoren zu finden. Wir müssen aus der Liga raus, das geht nur übers Kollektiv. Ich sehe viel Potenzial beim Team und im Umfeld – da ist einiges möglich.”

  • Erinnerungen an den WFV-Pokal

1969 stand die Neckarsulmer SU im WFV-Pokal-Finale und traf auf die  Amateure des SSV Reutlingen. Denn die Profis spielten in der Regionalliga Süd, der damals  zweithöchsten Liga. 1500 Fans sahen in Spaichingen einen überragenden SSV-Torwart Jörg Arnold, der aber gegen Graf und ein Beckmann-Eigentor machtlos war, aber Dieter Larisch und Horst Sattler sorgten für das 2:2 und die Verlängerung. Doch Neckarsulm traf noch zwei Mal, holte den Pokal und nun treffen heute beide Teams in einer späten Revanche wieder aufeinander. woga