Vor 25 Jahren: Das Wunder von Neckarsulm - Aufstieg in die Landesliga - 25.06.12
 

Und noch ein Vereinsjubiläum: In der Saison 1986/87, vor also exaktu 25 Jahren schaffte die Neckarsulmer Sport-Union den Aufstieg in die Landesliga. Und dies völlig überraschend, ja geradezu sensationell. Denn in den beiden Spielzeiten zuvor, sicherte sich die NSU jeweils nur dank der besseren Tordifferenz am letzten Spieltag den Bezirksliga-Klassenerhalt. Dass ein Jahr später der Gewinn der Meisterschaft folgen sollte, hatte nicht nur auf dem Pichterich wahrlich niemand erwartet, ja am Ende wurde sogar vom "Neckarsulmer Wunder" gesprochen. Wir wollen in unserer Nostalgie-Serie "Magic Moments" näher auf die sensationelle Jubiläums-Saison 1986/87 eingehen.

 
 
 

Der Kader:

Tor: Harry Fortwingel (24), Holger Poignee (26)

Abwehr: Uwe Bibow (28), Günter Chardon (19), Rolf Chardon (29), Stefan Kleinbeck (21), Adil Koc (35), Günter Wörsching (24), Bernd Amon (22)

Mittelfeld: Uwe Haiges (24), Armin Huspenina (20), Dieter Neutz (25), Holger Schädel (21), Manfred Schorr (34), Ralf Rieker (26), Wolfgang Grötzinger (22), Joachim Fischer (22)

Angriff: Joachim Gollda (23), Matthias Wissmann (21), Hans-Peter Rüger (29), Joachim Fischer (25), Freddy Cukulin (18), Cevat Merdan (21), Ilhan Kozan (27)

Trainer: Walter Melber (im 2. Jahr)

 

Die Vorrunde:

Aufgrund der schlechten beiden Spielzeiten zuvor wurde als Ziel vor dem Saisonstart der Klassenerhalt ausgegeben. Doch die NSU startete glänzend. Zu Beginn gewann man durch Tore von Neuzugang Hans-Peter "Pit" Rüger und Manfred Schnorr verdient mit 2:1 in Möckmühl, ehe ein 3:1 gegen den favorisierten SV Schluchtern folgte. Nach zwei weiteren Erfolgen gegen Willsbach (6:0) und in Ilsfeld (3:1) thronte die NSU plötzlich trotz der folgenden 2:3-Niederlage gegen Schlusslicht Neudenau mit 8:2 Punkten an der Tabellenspitze.

Vor allem der Neuzugang von der Union Böckingen Hans-Peter Rüger erwies sich als Volltreffer, markierte Tor um Tor, am Ende sollten es 15 in der gesamten Saison werden. Am 05.10.86 stand das Spitzenspiel auf dem Spielplan: Der Tabellenerste Neckarsulm gastierte beim Zweiten Neckargartach. Die rund 250 Zuschauer sahen ein würdiges Gipfeltreffen, in dem unser Team viel Lob für seine schnellen Konter erntete und letztendlich durch Treffer von Kleinbeck, Neutz, Haiges und Wissmann mit 4:2 die Oberhand behielt. Ein kleiner Meilenstein auf dem Weg zur Meisterschaft, denn nun merkte auch die Mannschaft selbst - wir können mit den Topteams der Liga mithalten.

Am 19.10.86 erkämpfte sich die NSU in einem weiteren Spitzenspiel beim Tabellendritten Cleebronn ein etwas glückliches 1:1. Erstmals die Tabellenspitze räumen musste die Melber-Truppe am 11. Spieltag als man überraschend beim Elften TG Heilbronn mit 1:3 unterlag. Es folgte über Wochen eine Achterbahnfahrt zwischen Erfolg und Niederlage. In einer hervorragenden Begegnung gewann man mit 2:1 bei der starken Heilbronner Spvgg, ehe man sieben Tage später auf dem Pichterich dem TSV Erlenbach mit 2:3 unterlag. Auswärts top - zu Hause flop. Dieses Motto kennzeichnete jene Phase, denn ein Auswärtssieg in Jagsthausen folgte lediglich ein 1:1 zu Hause gegen Güglingen. Da allerdings auch die Mitkonkurrenten schwächelten, bedeutet dieser Punktgewinn am 07.12.86 dennoch die überraschende Herbstmeisterschaft für unser Team. Im letzten Spiel des Jahres bezwangen wir am 14.12.86 nach einem 0:2-Rückstand die Spvgg Möckmühl durch Treffer von Schädel, Wissmann und Neutz mit 3:2 und feierte somit das Weihnachtsfest 1986 als Bezirksliga-Tabellenführer.

 
 

Einwurf:

Bei aller Freude über den sportlichen Höhenflug gab es in der Saison 1986/87 auch Grund zu großer Trauner bei der NSU. Denn im November 1986 musste man innerhalb von nur 11 Tagen den Tod der beiden großen Neckarsulmer Trainer-Ikonen Otto Knefler und Horst Frühhaber verkraften. Horst Frühhaber hatte die NSU in der Saison 1957/58 in die dritte Liga geführt.

Direkter Nachfolger von Horst Frühhaber wurde der ehemalige DDR-Nationalspieler Otto Knefler. Dieser war ein mitreißender Motivator und Rhetoriker, ein grandioser Taktiker und auch ein außergewöhnlich angenehmer Mensch. Nach zwei Jahren überaus erfolgreicher Arbeit in Neckarsulm führte die Trainer-Karriere von Otto Knefler bis in die Bundesliga, wo er u.a für Kaiserslautern, Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt und Düsseldorf tätig war.

 
 

Rückrunde:

Vor Beginn der Rückrunde fragte die Heilbronner Stimme "Geht Neckarsulm als Landesligist ins neue Stadion?" Denn das zu diesem Zeitpunkt im Komplettumbau befindliche Pichterichstadion sollte pünktlich zur nächsten Spielzeit fertiggestellt werden. Beherbergte es dann tatsächlich einen Landesligisten? Die Stimme weiter: "Würden die Fußballer der NSU tatsächlich den Aufstieg in die Landesliga packen, so könnte man ohne Übertreibung von einem Fußballwunder sprechen." Befragt nach dem Ziel für die Rückrunde antwortete der damalige Abteilungsleiter Paul Göller: "Ich bin nicht abgeneigt aufzusteigen."

Nach einem glücklichen 1:1 beim Tabellenletzten Neudenau kam unsere Truppe im März 1987 so richtig ins Rollen. Zunächst wurde der Tabellendritte Schluchtern durch einen Wissmann-Treffer mit 1:0 besiegt, danach bezwang man den SC Ilsfeld mit 2:1. Da gleichzeitig Verfolger Cleebronn in Lauffen verlor, betrug der Vorsprung auf den zweiten Platz inzwischen drei Punkte. Doch nun folgte eine Neckarsulmer Durststecke, in den nächsten fünf Spielen gab es zwei Niederlagen und ein Remis - die Verfolger der NSU nutzten dies zu einer Aufholjagd - es ging unglaublich eng an der Tabellenspitze zu.

 
 
Ende April kamen dann die Wochen der Wahrheit, mit der Weichenstellung in Richtung Aufstieg. Zunächst wurde der Tabellendritte TSV Cleebronn durch Treffer von Kapitän Haiges und Wissmann mit 2:1 bezwungen, es folgten Siege gegen die TG Heilbronn (2:0) und die Heilbronner Spielvereinigung (2:1). Vor allem der 22-Jährige Stürmer Matthias Wissmann erwies sich in diesen Spielen als äußerst treffsicherer Stürmer.
 
 

Einwurf:

Der "drohende" Aufstieg bereitete der NSU damals, zumindest in finanzieller Sicht Sorgen. Die Fußballabteilung war damals wirtschaftlich sehr angeschlagen, was auch Thema der Hauptversammlung am 24.04.87 war. Im Protokoll hieß es dazu: Leider müssen wir einen eventuellen Aufstieg mit einem lachenden und weinenden Auge sehen. Die Belastungen finanzieller und organisatorischer Art würden ein Ausmaß annehmen, die nur bei Mobilisierung aller Möglichkeiten zu schaffen wären."

 
 

Drei Spieltage vor Rundenende führte die NSU die Tabelle nun mit drei Punkten Vorsprung vor dem SV Schluchtern an, einen weiteren Punkt dahinter folgten Neckargartach und Cleebronn.

Im drittletzten Saisonspiel trat unserer Elf im Sulmtalderby beim TSV Erlenbach an und verlor nach einem unglaublichen Spiel mit 6:4, trotz dreier Wissmann-Tore. Der Vorsprung war also bis auf einen Punkt geschrumpft (damals herrschte noch die Zwei-Punkte-Regel, Anm. der Redaktion), die Meisterschaftsentscheidung vertagt.

Im vorletzten Spiel traf man dann auf den Tabellenzwölften SV Jagsthausen, der mit einer Serie von vier Siegen in Folge auf den Pichterich kamen. Konkurrent SV Schluchtern hatte mit 3:1 in Lauffen verloren, was bedeutete, dass die NSU mit einem Sieg tatsächlich die Meisterschaft feiern könnte. Hochkonzentriert ging die Melber-Elf ins Spiel und führte zur Halbzeit durch Treffer von Cukulin und Rüger mit 2:0. Nach dem 2:1-Anschlußtreffer zog Neckarsulm das Tempo wieder an und erhöhte durch einen Doppelpack von Neutz auf 4:1. In den Schlussminuten gelangen Jagsthausen noch zwei Treffer, doch das änderte nichts mehr am verdienten Sieg der NSU. Der Rest war Jubel pur!

MEISTER! Es war geschafft! Walter Melbers knapper Kommentar:" Wenn man in die Runde geht um nicht abzusteigen und nun die Meisterschaft macht, dann ist das schon ein großer Erfolg." In der Tat war dieser Titelgewinn einer der überraschendsten überhaupt in der Unterländer Bezirksliga-Geschichte. Es war eine Demonstration, was eine charakterstarke Truppe mit viel Teamgeist und Siegeswillen erreichen kann. Mit Walter Melber verfügte man zudem über einen ausgezeichneten Trainer, der die Mannschaft perfekt eingestellt hatte.

 
 
 
 
 

Zu guter Letzt:

Vor Beginn der Saison hatten die Neckarsulmer Verantwortlichen ihrem Team einen Mallorca-Urlaub versprochen- wenn es den Bezirksliga-Klassenerhalt schafft. Den Urlaub gab es dann auch, aber nicht für den Verbleib in der Liga, sondern für die Meisterschaft! Dieser Bezirksliga-Titel war schon eine wirklich schräge Geschichte, wie sie nur der Fußball schreiben kann! Was war der Schlüssel zum Erfolg? Zum Einen natürlich die unglaubliche Homogenität aller Mannschafsteile. Ein guter Torwart hinter einer starken Abwehr, ein spielstarkes Mittelfeld und treffsichere Stürmer - das war das Neckarsulmer Erfolgsrezept der Saison 1986/87. Natürlich schlugen auch die Neuen prächtig ein: Der aus dem Norden plötzlich aufgetauchte Uwe Bibow spielte einen prächtigen Außenverteidiger, Stefan Kleinbeck agierte als unerbittlicher Vorstopper, dem reaktivierten Keeper Harry Fortwingel unterliefen so gut wie keine Fehler und Stürmer Pit Rüger schlug im Angriff hervorragend ein. Die Mischung zwischen jungen Talenten und erfahrener Akteure wie Adil Koc war perfekt. Die Konsequenz war an der Tabelle abzulesen: Ab dem 18. Spieltag bis zum Saisonende hieß der Tabellenführer ohne Unterbrechung Neckarsulmer Sport-Union.

 
 

Einwurf:

Zur damaligen Zeit gab es noch eine "Bezirksliga-All-Star-Mannschaft", die zum Saisonabschluss gegen einen Bezirksligisten antrat. In der Auswahlmannschaft dieser Saison standen mit Uwe Haiges und Matthias Wissmann allerdings überraschenderweise nur zwei Neckarsulmer Meisterspieler. Nunja, angesichts des Erfolges wird man dies bei der NSU verkraftet haben…