"Magic Moments" - Heute vor 50 Jahren: Aufstieg in die 3. Liga - 15.06.12
 

Die Fußball-Abteilung der Neckarsulmer Sport-Union darf heute ein großartiges Jubiläum feiern. Denn exakt auf den Tag genau vor 50 Jahren stieg unsere 1. Mannschaft in die 1. Amateurliga auf, der damals dritthöchsten Staffel im deutschen Fußball. In unserer heutigen Ausgabe der "Magic Moments" wollen wir uns daher intensiv mit diesem grandiosen Erfolg beschäftigen.

 
Es war eine dramatische Spielzeit, diese Saison 1961/62. Es benötigte 28 Punktspiele und sechs Aufstiegsspiele bis unsere Helden von damals den umjubelten Aufstieg schafften und dies quasi in allerletzter Sekunde.

Unternehmen wir also eine Zeitreise zurück ins Jahr 1961. Geprägt wurde dieses durch den Bau der Berliner Mauer, der die deutsche Teilung endgültig zementierte. In den USA wurde John F. Kennedy zum neuen Präsidenten gewählt und Juri Gagarin war 1961 an Bord der Wostok 1 der erste Mensch im Weltraum.

Einwurf:

Die 1. Amateurliga war in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Einführung der Amateur-Oberligen in den 1970er Jahren die höchste Amateurklasse in den süddeutschen und südwestdeutschen Landesverbänden des Deutschen Fußball-Bundes. In den Regionalverbänden Süd und Südwest, wo es eine als zweite Vertragsspielerklasse existierende 2. Oberliga gab, bildeten die 1. Amateurligen die dritthöchste Spielklasse

Quelle: Wikipedia

 
Die Vorbereitung:

In Neckarsulm schickte sich ab September 1961 das Team der NSU um Kapitän Eugen Lieb an, den Abstieg aus der 1. Amateurliga im Vorjahr zu korrigieren. Das Unterland war damals im württembergischen Fußball noch eine Macht. Der VfR Heilbronn pendelte zwischen der 2. und 3. Liga, ebenso die Union Böckingen - fast unvorstellbar, wenn man sieht, dass in Heilbronn derzeit nurmehr achtklassiger Fußball geboten wird. Als dritte Kraft hatte sich die Neckarsulmer Sport-Union, die damals noch Spvgg Neckarsulm hieß, etabliert.

Auf zu neuen Ufern hieß es 1961 also bei der NSU, das Abstiegsteam der Vorsaison wurde erheblich verjüngt und man sah der neuen Spielzeit insgesamt mit Optimismus entgegen. Ein Highlight der Vorbereitung war das Testspiel gegen bereits erwähnten VfR Heilbronn (mit Unterländer Fußball-Legenden wie Rolf Simon, Rolf Ringer und "Watsche" Waidelich) im Städtischen Stadion. Vor der tollen Kulisse von rund 1000 Fans gelang der NSU nach einem 0:3-Pausenrückstand noch ein mehr als respektables 3:3 (Tore: Maul (2), Seitz).

 
Die Vorrunde:

Die Punktspiele in der II. Amateurliga begannen mit einem Derby bei der Heilbronner Spvgg. In einer ausgeglichenen Begegnung gewann unsere Elf am 19.08.61 durch einen Elfmeter-Treffer von Wolfgang Heinemann in der 41. Minute mit 1:0. Nach weiteren Siegen gegen die TSG Öhringen (5:1), in Markgröningen (4:3) und den SC Böckingen (3:1) stand die NSU mit 8:0 Punkten schnell an der Tabellenspitze.

Es folgte am 17.09.12 das Derby gegen den Lokalkonkurrenten Spfr. Neckarsulm. Die Sportfreunde kämpften zwar aufopferungsvoll und hielten zur Pause ein 0:0, doch der NSU-Regisseur Wolfgang Heinemann sorgte mit 3 Treffern quasi im Alleingang für den Endstand von 3:0 für unser Team. Eine Woche später folgte die erste Niederlage für die NSU. Bei der TSG Backnang verlor man hoch mit 2:5.

EINWURF:

Schlechte Nachrichten erreichte die NSU am 25.09.12 per Post: Der WFV hatte ein Ermittlungsverfahren gegen unser Team eingeleitet, mit folgendem Originalvermerk: "Der Schiedsrichter des Spieles Spfr. Neckarsulm - Spvgg Neckarsulm meldet: beim Stand von 3:0 kam ein Zivilist an den Rand mit Sprudel und gab ihm den Rechtsaussen zu trinken. ich forderte ihn auf, dies zu unterlassen, darauf sagte er zu mir: "Du bist ein grosser Spitz". Er war es auch, der die anderen zum Schreien aufstachelte. Der Name ist ***(von der Redaktion entfernt)***, früherer Spielführer der 1. Mannschaft"

 

Am 08.10.61 kam es dann zum Spitzenspiel zwischen Tabellenführer Neckarsulm (12:2 Punkte) und dem zweiten Phoenix Mühlacker (11:1). In einer hart umkämpften Begegnung vor 900 Zuschauern brachte Aschenbroich die NSU mit 1:0 in Führung. nach dem Ausgleich von Mühlacker war es Harald Huspenina, der in der 77. Minute für den umjubelten Neckarsulmer 2:1-Siegtreffer und damit einen Big-Point im Meisterschaftsrennen sorgte.

Nach weiteren Erfolgen unter anderem gegen den ESV Heilbronn, den TSV Crailsheim und den VfL Neckargartach musste unser Team im letzten Vorrundenspiel an den Pfühl zum Drittplatzierten TG Heilbronn reisen. Nach torloser erste Halbzeit kam die NSU dank Treffer von Gerhard Allin und Wolfgang Heinemann (2) zu einem wichtigen 3:1-Erfolg. Dank der gleichzeitigen Niederlage von Mühlacker gegen Kochendorf führte Neckarsulm die Tabelle mittlerweile mit vier Punkten Vorsprung an.

Die Rückrunde:

Die Rückrunde begann mit einem 2:0-Erfolg beim SC Böckingen, es folgten zwei 1:1-Unentschieden gegen die Spitzenteams Heilbronner Spvgg und Phoenix Mühlacker. Danach gab es Siege gegen Markgröningen, Crailsheim, den Sportfreunden Neckarsulm und der TG Heilbronn, ehe man bei der TSG Öhringen beim 0:2 die zweite Saison-Niederlage hinnehmen musste.

So etwas wie ein Schlüsselspiel auf dem Weg zur Meisterschaft war am 23.03.61 der 1:0-Sieg gegen die TSG Backnang. In einer Partie, die von beiden Abwehrreihen dominiert wurde gelang Gerhard Allin in buchstäblich letzter Sekunde das goldene Tor für die Motorenstädter. Da gleichzeitig der Tabellenzweite Mühlacker ausgerechnet mit 1:2 gegen unseren Lokalrivalen Sportfreunde Neckarsulm verlor, war der NSU die Meisterschaft kaum mehr zu nehmen.

Im drittletzten Spiel war es dann soweit. Am 01.04.12 machte die NSU beim 5:2-Sieg in Bissingen sein Meisterstück. Doch die Partie war hoch dramatisch. Der Unparteiische stellte zwei Bissinger Spieler vom Platz und musste am Ende von der Polizei vor den wütenden einheimischen Zuschauern beschützt werden. Unsere Elf spielte damals in der Aufstellung Stapf, Frank, Fetzer, Weise, Lieb, Thullner, Werner, Rezar, Schreiber, Heinemann, Allin.

Vor der letzten regulären Saison-Begegnung am 14.04.12 gegen den TSV Kochendorf überreichte Staffelleiter Dr. Kaiser unseren Helden dann den Meisterschaftswimpel. Durch Treffer von Eugen Lieb, Wolfgang Heinemann und Dieter Schreiben gewann die NSU das Derby verdient mit 3:0.
Die Aufstiegsspiele:

Damals stieg der Meister der II. Amateurliga nicht automatisch auf, sondern musste sich zunächst in einer Vierergruppe mit Hin- und Rückspiel qualifizieren, wobei die ersten drei Teams in die I. Amateurliga Nordwürttemberg aufstiegen, allein dem Tabellenvierten blieb diese Ehre also verwehrt.

Und es wurde aus Neckarsulmer Sicht eine turbulente Aufstiegsrunde mit kuriosem Verlauf - aber am Ende mit dem ersehnten Happy End.

Das erste Aufstiegsspiel bestritt unsere Elf am 15.05.1962 gegen den FC Eislingen. 1000 Zuschauer boten bei tropischen Temperaturen eine tolle Kulisse. Die NSU-Fans durften früh das 1:0 durch einen abgefälschten Freistoß von Heinemann bejubeln, doch am Ende setzte sich die größer Dynamik und Kondition der Eislinger durch, die mit 3:1 die Oberhand behielten. "In Neckarsulm gab es die erste Aufstiegsdusche", hieß damals die folgerichtige Überschrift in der Heilbronner Stimme.

Am 19. Mai 1962 trat unser Team dann beim SV Stuttgart Rot an und zeigte eine begeisternde Partie. 2000 Zuschauer erlebten ein rassiges Tempospiel, bei dem sich die Aufstellung des nach langer Pause reaktivierten Franz Mauls als Glücksgriff erwies. In der 10. Minute erzielte dieser nämlich nach toller Vorarbeit von Wolfgang Heinemann das goldene Tor zum wichtigen Neckarsulmer 1:0-Auswärtssieg. Dieser hätte erheblich höher ausfallen können, vergab die NSU doch zahlreiche gute Chancen. Dass am Ende in der Defensive die Null stand, war vor allem dem überragenden Keeper Karlheinz Stapf, einem Ausnahmetalent im Kasten der damaligen Zeit, zu verdanken.

Äußerst unglücklich verlief das dritte Aufstiegsspiel gegen Normannia Gmünd. Vor 1500 Zuschauern war Neckarsulm zwar über weite Strecken der Partie überlegen, mehr als das zwischenzeitliche 1:1 durch Heinemann sprang aber nicht heraus. Die Gmünder hingegen nutzten ihre Chancen eiskalt und feierten somit einen 3:1-Auswärtserfolg. Die NSU musste wieder mehr denn je um den Aufstieg zittern.

Eine Woche später stand bereits das Rückspiel gegen Schwäbisch Gmünd an. 2000 Zuschauer säumten das schmucke Normannia-Stadion. Und sie sahen eine hervorragende Neckarsulmer Mannschaft, die an jenem Tag das wohl beste aller sechs Aufstiegsspiele bestritt. Angetrieben vom überragenden Regisseur Heinemann, den selbst eine unerbittliche Gmünder Manndeckung nicht bremsen konnte gewann unsere Elf mit 3:1. Dieter Schreiber hatte die Motorenstädter in der 26. Minute in Führung geschossen, nach dem unglücklichen Ausgleich per Strafstoß (36.) brachte Mischi Werner unsere Elf auf die Siegerstraße (56). Die endgültige Entscheidung war Gerhard Allin vorbehalten, der in der 63. Minute das 1:3 erzielte. Bei konsequenterer Chancenauswertung wäre sogar ein noch höherer Sieg möglich gewesen. Dieser Erfolg war wohl so etwas wie der Schlüssel zum Aufstieg, denn mit nun 4:4 Punkten benötigte die NSU in den beiden abschließenden Spielen lediglich noch einen Punkt.

Und dieser sollte am 09.06.62 gegen den SV Stuttgart Rot, noch dazu im eigenen Stadion, eigentlich problemlos eingefahren werden. Immerhin standen die Gäste mit 0:8 Punkten abgeschlagen am Ende des Klassements. Doch es kam anders - ganz anders. Mit 1:2 gewann der Außenseiter aus der Landeshauptstadt und die Heilbronner Stimme schrieb dazu: "Die Neckarsulmer Elf fand während der ganzen Partie keine Bindung. Das Dargebotene erinnerte zeitweise an ein Altherrenspiel." Da passte es ins Bild, dass der einzige Neckarsulmer Treffer aus einem Eigentor von Grabowatschki resultierte. Die rund 800 Zuschauer quittierten die Partie am Ende mit einem Pfeifkonzert.

So musste also im letzten Spiel am 15.06.62 die Entscheidung fallen. Die Konstellation war klar: Der Gegner der NSU, der FC Eislingen war mit 8:2 Punkten längst aufgestiegen, genauso der Tabellenzweite Normannia Gmünd mit 6:4 Punkten. Um den dritten Aufstiegsplatz stritten sich in einem Fernduell die NSU (4:6) und Stuttgart-Rot (2:8). Und die Roter hatten vorgelegt: In Schwäbisch Gmünd hatte man mit 4:0 gewonnen, die NSU musste also in Eislingen unbedingt zumindest einen Punkt holen, um in die 1. Amateurliga aufzusteigen. Doch es sah zunächst alles andere als gut aus. Der Eislinger Schurr hatte die Gastgeber in der 32. Minute mit 1:0 in Führung gebracht - der Neckarsulmer Aufstiegstraum schien zu platzen. Haareraufen kurz vor der Pause, als Mischi Werner nur die Latte traf. Angetrieben durch die starken Heinemann und Rezar kam die NSU im zweiten Durchgang immer besser ins Spiel. Dietrich Weise setzte sich in der 52. Minute vehement durch, seinen Pass verwandelte Franz Maul zum 1:1-Ausgleich. Als unsere Elf zehn Minuten vor dem Ende bereits auf Zeit spielte, war es noch einmal Franz Maul, der sich durchsetzte und das umjubelte 2:1 für die Motorenstädter erzielte - gleichzeitig der Endstand - der Aufstieg war erreicht. Die Helden, die in diesem Spiel den Aufstieg schafften: Stapf, Fetzer, Kraft, Frank, Lieb, Weise, Werner, Allin, Rezar, Heinemann, Maul.

Damit war er also perfekt - der sofortige Neckarsulmer Wiederaufstieg in der Saison 1961/62. Grenzenloser Jubel bei den Jungs vom Pichterich. Nach einer Achterbahnfahrt in den Aufstiegsspielen hatte das Team von Trainer Albert Wittich es geschafft. I. Amateurliga - wir kommen!