Neue Rubrik "Magic Moments" - Die Helden von Heilbronn - 13.01.12
 

Winterpause. Noch immer. Wir wollen allen Neckarsulmer Fußball-Fans diese schwere Zeit verkürzen, indem wir regelmäßig in der Sommer- und Winterpause über nostalgische Highlights der Sport-Union aus vergangenen Zeiten berichten. Dafür haben wir extra eine neue Rubrik auf unserer Homepage ins Leben gerufen, die Neckarsulmer "Magic Moments". Beginnen möchten wir heute mit einem der größten Erfolge in der Vereinsgeschichte, den Gewinn des Württembergischen Pokals im Jahr 1969.

 
1969 - es war ein ereignisreiches Jahr. Willy Brandt wird deutscher Bundeskanzler, Richard Nixon wird Präsident der USA, die Beatles spielen ihr letztes öffentliches Konzert und Neil Armstrong betritt als erster Mensch den Mond.

Doch auch aus Neckarsulmer Sicht sollte das Jahr 1969 ein absolutes Highlight werden, stiegen die Jungs von Trainer Wilfried Mölls doch in die damals deutschlandweit dritthöchste Liga auf und gewannen darüber hinaus auch zum zweiten Mal den Württembergischen Fußballpokal. Über letzteres Ereignis möchten wir in der heutigen Rubrik der "Magic Moments" näher eingehen. Es war eine legendäre Truppe, die damals das Neckarsulmer Trikot überstreifte, viele sprechen noch heute von der besten Mannschaft aller Zeiten. Angefangen bei Keeper Günter Seiz über Robert und Dieter Dollmann, Milan Bajic, Willi Kison und Stürmer Horst Graf… noch immer zaubern diese Namen alteingesessenen Neckarsulmer Fußball-Fans ein Strahlen ins Gesicht.

Nach teilweise überraschenden Siegen über Union Böckingen, den SC Amorbach, Germania Bietigheim, TSV Höfingen und TG Biberach stand die NSU im WFV-Pokalfinale. Insgesamt vier klassenhöhere Teams hatten die Pichterich-Jungs aus dem Wettbewerb gekegelt; kein Wunder dass sich unsere Elf in dieser Zeit den Ruf als exzellente Pokal-Mannschaft erwarb.

Das große Pokalfinale fand am Samstag, den 21.06.1969 ausgerechnet im Stadion des Lokalkonkurrenten VfR Heilbronn statt. Dementsprechend motiviert traten unsere Jungs auch in ihren schwarz-weiß gestreiften Jerseys zum Endspiel an. Sonnenschein und Schwüle lagen über der Arena, als DFB-Schiedsrichter Alfred Binder die Partie um 17 Uhr anpfiff. 2000 Zuschauer waren vor Ort, um das Pokalfinale zwischen Neckarsulm und den Amateuren des SSV Reutlingen zu verfolgen. Sie kamen in den Genuss von 120 spannenden und packenden Pokalminuten ehe unser Kapitän und Ausnahmestürmer Horst Graf den Pokal gen Himmel strecken konnte.

Es war jede Menge Prominenz im Stadion, z. B. der Neckarsulmer OB Dr. Klotz, sein Heilbronner Amtskollege Fuchs sowie Alt-Bürgermeister Meyle, ein riesengroßer Fußball-Anhänger.

Die Neckarsulmer zeigten gegen die favorisierten Reutlinger vom Anpfiff an, wer der Herr im Hause war. In der siebten Minute krachte ein Fernschuss von Roland Herrmann an den Pfosten, zehn Minuten später versagte Schiedsrichter Binder einem Treffer von Horst Graf wegen angeblicher Abseitsposition die Anerkennung. Kurze Zeit danach abermals Haareraufen bei der Sport-Union, ein wunderschöner Treffer per Fallrückzieher von Klaus Weller zählte ebenfalls nicht, da der Unparteiische zuvor ein Foulspiel gesehen haben wollte. Fünf Minuten vor dem Pausenpfiff endlich die überfällige Führung für unsere Elf. Horst Graf zog aus 18 Metern ab und der Schrägschuss unserer "Tormaschine" fand unhaltbar den Weg in die Maschen, 1:0! Die knappe Führung zur Pause spiegelte jedoch den Spielverlauf nicht adäquat wieder, die Neckarsulmer hatten genug Chancen um den Pausentee mit einer 3 oder gar 4:0-Führung zu genießen.

Im zweiten Durchgang des Finales setzte sich die Überlegenheit der Motorenstädter fort. Einzig ihrem Keeper Arnold hatten es die Reutlinger zu verdanken, dass die Begegnung nicht schon längst zugunsten des Pichterich-Teams entschieden war. Doch in der 75. Minute war Arnold zum zweiten Mal machtlos. Ausgerechnet sein eigener Verteidiger Beckmann hatte ihn nach einer Graf-Flanke per Flugkopfball bezwungen.

2:0 also für die Sport-Union, fünfzehn Minuten vor dem Ende, was sollte da noch anbrennen? Doch die Reutlinger zeigten Kampfgeist. Nur eine Minute nach dem 2:0 spritzte SSV-Stürmer Larisch in eine leichtsinnige Rückgabe von Bernd Filsinger und spitzelte das Leder zum 1:2 am Neckarsulmer Keeper Günter Seiz vorbei. Dieser Treffer gab dem SSV neue Motivation. Angetrieben vom ehemaligen Profi Horst Sattler erzeugten die Reutlinger nun mächtig Druck auf das Neckarsulmer Gehäuse. Sattler war es dann auch, der zehn Minuten vor dem Abpfiff mit einem trockenen Schuss von der Strafraumgrenze für den 2:2-Ausgleich sorgte.

Inzwischen hatte sich im Heilbronner Stadion ein echtes Pokalspiel entwickelt, der die Zuschauer von den Sitzen riss. Es ging hin und her, Chancen hüben wie drüben, beide Teams suchten mit Macht die Entscheidung. Kurz vor dem Ende erneut Pech für unser Team, als Roland Hermann zum zweiten Mal nur den Pfosten traf. Als auch Horst Graf in der Nachspielzeit aussichtsreich scheiterte, kam es zur Verlängerung.

Nun öffnete der Himmel seine Schleusen und es ging ein fünfminütiger Wolkenbruch darnieder. Die Spannung war geradezu greifbar, wäre die Floskel vom Pokalfight nicht schon erfunden, er hätte spätestens an jenem 21.06.69 im Städtischen Heilbronner Stadion seine Geburt gefeiert. Durchnässt vom Regenschauer, aber zu allem bereit gingen unsere Spieler in die Verlängerung. Die Reutlinger mussten den Nachteil verkraften, nur noch zu zehnt auf dem Platz agieren zu können. Denn nachdem der SSV sein Auswechselkontingent bereits erschöpft hatte, musste Linksaußen Hohlock das Feld verletzungsbedingt in der 79. Minute verlassen und konnte demnach nicht ersetzt werden. Dies nutzten die Neckarsulmer und waren fortan wieder die dominierende Mannschaft. In der 102. Minute dann die verdiente Führung: Geistesgegenwärtig führte Dieter Dollmann einen Freistoß blitzschnell aus und abermals Horst Graf war es vorbehalten, freistehend aus 11 Metern das Leder ins Netz zu befördern. 3:2 für die Neckarsulmer! Horst Graf… er war zu jener Zeit so etwas wie die Lebensversicherung der Motorenstädter. Damals 25 Jahre alt war er, wenn auch mit großem Temperament ausgestattet, einer der besten Torjäger in Baden Württemberg. Trefflich beschrieb dies auch Redakteur Siegfried Schilling im Spielbericht des Pokalfinales in der Heilbronner Stimme: "Horst Graf bedeutet für Neckarsulm so viel wie für Bayern München Gerd Müller."

Die endgültige Entscheidung fiel dann in der 112. Minute. nach einem Querschläger des Reutlinger Pape umkurvte Willi Kison den gegnerischen Torhüter und machte mit dem 4:2 den Neckarsulmer Triumph perfekt. Pokalsieger! Zum zweiten Mal nach 1964. Und das als Zweit-Amateurligist - eine Sensation. Dank einer Symbiose von grandiosen Einzelspielern, tollem Teamgeist und großer Vereinsidentifikation hatten es die Jungs vom damals gerade einmal 28 Jahre alten Trainer Mölls tatsächlich geschafft, den klassenhöheren Gegner niederzuringen. Pokalsieger! Es war Punkt 19:30 als Kapitän Horst Graf unter unbändigem Jubel den schmucken Württembergischen Verbandspokal aus den Händen des WFV-Spielausschuss-Vorsitzenden Hans Kindermanns erhielt, in die Höhe stemmte und seinen Mitspielern präsentierte. In einem unvergesslichen und würdigen Pokalfinale hatte man den Favoriten aus Reutlingen mit 4:2 nach Verlängerung bezwungen. Es war in der Tat ein magischer Neckarsulmer Moment.


Die Helden von Heilbronn waren:

Günter Seiz, Robert Dollmann, Bernd Filsinger, Milan Bajic, Dieter Dollmann, Willi Kison, Roland Herrmann, Kulka, Klaus Weller (71. Kurt Schwarz), Horst Graf, Jürgen Rößle