14.04.18- Nach dem 1:1-Wahnsinn von Ravensburg:
NSU-Trainer Thorsten Damm im Interview
 

Solch Geschichten schreibt nur der Fußball. Da kämpfen unsere Jungs, extrem ersatzgeschwächt, 90 Minuten lang wie die Löwen beim Oberliga-Spitzenteam FV Ravensburg – und halten trotz einer schweren Verletzung von Marcel Busch ein 0:0 und warten auf dem Abpfiff. Doch dann kommt in Minute 92 Bartosz Broniszewski und bringt die Ravensburger mit 1:0 in Führung. Die NSU wirft danach alles nach vorne, und tatsächlich: Nach einem Gerangel zwischen FVR-Keeper Haris Mesic und NSU-Stürmer Ouadie Barini entschied der Referee auf Strafstoß für die NSU und rot für Mesic. Adrian Beck behielt in der 96. Minute die Nerven und traf zum vielumjubelten 1:1. Danach spielten sich tumultartige Szenen im Wiesentalstadion ab. „Fußball-Wahnsinn in Ravensburg“, mehr brachte NSU-Coach Thorsten Damm zunächst nicht heraus. Wir konnten uns danach mit dem Neckarsulmer Trainer unterhalten.

 
 

Thorsten, 1:1 in Ravensburg in allerletzter Sekunde. Der Wahnsinn, oder?

T. D.: In der Tat. Dabei war die Ausgangssituation alles andere als hoffnungsvoll. Sebastian Kappes musste zehn Minuten vor Anpfiff verletzungsbedingt passen. Mit Seba Öztürk, Julian Retzbach und Niklas Waiz von der 2. Mannschaften hatten wir damit nur noch drei Spieler auf der Bank, ein Ersatztorwart war gar nicht erst mit nach Ravensburg gereist. In der 70. Minute hat sich dann auch noch Marcel Busch schwer verletzt und musste mit Verdacht auf Außenbandriss ausgewechselt werden.

 

Wie liefen die 90 Minuten bis zur Nachspielzeit denn?

T. D.: Eigentlich so wie immer in den letzten Wochen. Wir haben ein gutes Spiel abgeliefert, wenngleich etwas defensiver ausgerichtet. Wir haben hinten zudem wenig zugelassen.

 

Und dann kam die Nachspielzeit.

T. D.: Das war wirklich unfassbar. Zunächst kam von links eine Flanke in unseren Strafraum, wo gefühlt 20 Spieler standen. Am Ende schob dann irgendwie ein Ravensburger aus kurzer Distanz zum 1:0 ein. Ich hätte heulen können. Als ich in die vor Erschöpfung roten Gesichter und offenen Münder meiner Jungs geschaut habe, brach es mir fast das Herz. Ganz ehrlich ich dachte im ersten Moment nur: „Zum Glück höre ich im Sommer auf, damit ich solch eine -entschuldigung- Scheiße nicht mehr miterleben muss.“ Ich habe mir gedanklich schon Worte überlegt, wie ich in der anschließenden Pressekonferenz meine Jungs loben könnte. Nach dem Spiel hätte ich sicher jeden einzelnen in den Arm genommen, um zu trösten.

 

Doch es kam anders. Wie ging es dann aus Deiner Sicht weiter?

T. D.: Aufgrund Buschis Verletzung waren nach dem Tor noch vier Minuten zu spielen. Bei mir standen ja schon die beiden verbliebenen Auswechselspieler, die ich eigentlich ins Spiel bringen wollte, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Das habe ich dann natürlich gelassen. Und dann kam jene Situation. Der Torwart von Ravensburg hat den Ball, und ließ sich dann zu einer Situation mit unserem Ouadie Barini hinreißen. Danach wurde es unübersichtlich, es gab Tumulte. Ich selbst habe die Szene gar nicht gesehen, kurz darauf entschied der Schiedsrichter auf Elfmeter für uns und rot für den Ravensburger Keeper. Da war mein gefühlter Trauerflor um den Arm sofort wieder abgeschnitten.

 

Wie hast Du Adris Elfmetertor erlebt?

T. D.: Es musste dann ja ein Ravensburger Feldspieler ins Tor und das war dieser positiv-Verrückte Jascha Fiesel. Ich bin nach dem Spiel zu ihm gegangen und habe gesagt: „Dir hätte ich es noch zugetraut, dass Du ihn hältst.“ Beim Elfmeter selbst konnte ich ehrlich gesagt nicht hinschauen und habe mich umgedreht. Ich hörte dann meinen Co-Trainer Aydin Cengiz jubeln und wusste, das Ding war drin. 1:1. Der Schiedsrichter pfiff daraufhin sofort ab. Danach ging es heiß her, der Unparteiische musste mit Begleitschutz in die Kabine, auch wir wurden verbal angegangen. Wobei ich die Ravensburger Emotionalität absolut verstehe, denn mit einem Sieg gegen uns hätten Sie vielleicht noch mal vorne angreifen können. Es ist schon bitter, wenn man dann kurz vor Ende zwei Punkte auf diese Art und Weise verliert.

 

Wie war es nach dem Abpfiff in der Kabine?

T. D.: Einfach nur Freude. Keine Genugtuung, oder ähnliche Gefühle. Einfach nur purste und ausgelassene Freude. Wir waren ehrlich gesagt alle etwas ungläubig, aber es war schon ein absoluter „Goodie“ für uns, dieser späte Punktgewinn in diesem Wahnsinnsspiel, und er war noch dazu absolut verdient. Es gibt wohl doch einen Fußballgott. Was ich übrigens auch noch erwähnen möchte: Unser B-Junioren Keeper Julius Meyer ist extra den weiten Weg mit nach Ravensburg gefahren, damit wir zwei Keeper zum Warmmachen haben. Das war schon grandios von ihm.

 

Danke für Deine ehrlichen Worte, Thorsten.